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Wörterbuch des Unmenschen: Betreuung

Soumis par Aktiver Admin le mer, 09.05.2018 - 14:26

Worterklärung:

Das Mittel- und Hauptstück heißt „treu“. Von „treu“ und von der „Treue“ gibt es aber kein direkt abgeleitetes, ohne den Umstand der Vorsilbe gebildetes Zeitwort, kein verbum simplex. Treu sein, treu bleiben, die Treue halten, anders ließ und läßt sich die Treue nicht in die Tat umsetzen.

Und man muß zugeben, daß diese Wendungen wirklich auffallend und unangenehm wenig Spielraum für den Tätigkeitsdrang bieten: es sind keine Tätigkeits-, sondern wahre Zeit-Wörter. Man kann oder konnte da nur etwas sein und bleiben,und dabei konnte es natürlich nicht lange bleiben, da mußte etwas geschehen. Hinzu kam noch die weitere Unannehmlichkeit, daß alle jene Wendungen den Dativ regieren: man ist und bleibt jemandem treu, hält jemandem oder einer guten Sache oder einem Grundsatz oder einer Institution die Treue. Ganz ähnlich, wie man auch jemandem (im Dativ) hilft und jemandem vertraut. Dieser jemand, diese gute Sache, dieser Grundsatz, diese Institution bleiben, da sie nur im schrägen Lichte des Dativs erscheinen, in sich selbständig, gültig und frei. Wer jemandem treu ist, kann daher seinerseits dieses Jemands nicht sicher sein. Treu sein und bleiben ist eben, wie man daran leicht sieht, nichts weiter als ein menschliches Verhalten und Verhältnis.

Für den Unmenschen ergab sich die dringende Notwendigkeit, erstens ein recht kräftiges Tätigkeitswort und zweitens ein transitives zu bilden oder hervorzusuchen, welches den jemand schärfer anpackt. „Treuen“ ging nicht - es käme ja ungefähr auf „lieben“ und „schützen“ hinaus, und dabei fehlt noch die rechte Gewalt. Die Vorsilbe half. Dieses „be-“ drückt nicht bloß ein selbstloses Hinzielen auf den Gegenstand aus wie die einfachen Transitiva „lieben“ und „schützen“, sondern eine Unterwerfung des Gegenstands, und darauf kommt es an, Dieses „be-“ gleicht einer Krallenpfote, die das Objekt umgreift und derart erst zu einem eigentlichen und ausschließlichen Objekt macht.

Muster und Vorgänger sind: Beherrschen und Betrügen, Beschimpfen und Bespeien, Bestrafen, Benutzen, Beschießen, Bedrucken, auch Belohnen und Beruhigen. In allen diesen Fällen wird das Objekt, eben der jemand, mindestens zeitweilig des eigenen Willens beraubt oder soll des eigenen Willens beraubt werden oder hat seine Freiheit schon verloren wie der Aufgeregte, der darum der „Beruhigung“ bedarf, oder seine freie Vernunft wird umgangen und für nichts geachtet wie beim Betrügen oder Benutzen. Beim „Beschützen“ ist es nicht ganz so leicht, den Jemand mit Beschlag zu belegen, weil man ihn immerhin „vor“ etwas oder jemand anderem beschützen muß, und weil der Beschützte im allgemeinen das, wovor er Schutz sucht und in Anspruch nimmt, auch mit seiner eigenen Vernunft und Sinnen wahrzunehmen vermag. Anders beim Betreuen. Man betreut jemanden und damit basta.

Dieses Verhältnis ist ein totales. Die Betreuung ist diejenige Art von Terror, für die der Jemand - der Betreute - Dank schuldet. Und das tut dem Unmenschen wohl. Nur noch dieses Wohlgefühl erinnert an das Stammwort „Treue“. Der Betreuer selber aber braucht nun - Gott sei Dank – niemandem (im Dativ) mehr treu zu sein. So kann man mit recht einfachen Mitteln ein Wort von seiner Sinnwurzel abschneiden und es doch so aufstellen, daß es aussieht, als stecke es noch lebendig im Grund.

Anwendung:

Die Hortnerin oder besser: der Kindergarten betreut die Kinder. Der Lehrer oder besser: die Schule betreut die Schüler - ihre Aufgabe ist daher die „schulische Betreuung“. Der Arzt betreut die Kranken oder besser: das Krankenmaterial (auf deutsch und etwas einschmeichelnder: das Krankengut).

Der Geschäftsreisende betreut die Käufer, der Dirigent betreut die Solisten, aber auch die Partitur und das Werk des Komponisten. Die NSV betreute Mutter und Kind, der Reichsnährstand die Bauern, die Arbeitsfront die Arbeiter; die Wirtschaftsgruppen, Wirtschaftsämter, Rüstungsinspektionen und andere Behörden, alle zusammengefaßt im ausdrücklich so benannten „Betreuungsausschuß“, betreuten - in der diktatorischen Organisation des totalen Krieges - die industriellen Betriebe. Ja wahrhaftig: Die Geheime Staatspolizei betreute die Juden1. Als es keinen Markt und keinen Handel mehr gab, als die Konsumenten daher machtlos, zu Objekten, geworden waren, „betreute“ der Verteiler die Käufer. Aber das ist mit dem Dritten Reich keineswegs untergegangen.

Baufirmen, Siedlungsgesellschaften betreuen ungescheut die Bebauung dieses oder jenes Areals, als wäre das ein Akt der Barmherzigkeit, und als wäre kein Auftraggeber, Käufer, Benutzer, Pächter oder Mieter gegenwärtig. Diese armen Individuen müssen zwar zahlen, aber nur dafür, daß sie wie die Küken unter die Flügel der Glucke, nämlich der Firma, der Genossenschaft, der Verwaltung, der Organisation schlechthin schlupfen dürfen.

Zumal Verbände, Wirtschaftsverbände wie Berufsverbände, haben es auf sich genommen, ihre Mitglieder (mitsamt ihren „Anliegen“) zu betreuen - ich vermeide es, Beispiele anzuführen, denn es wäre eine Ungerechtigkeit, irgendeine Branche oder Sphäre des Verbandswesens auszulassen. Daß Vorstände von Mitgliedern gewählt, Geschäftsführer von Vorständen angestellt oder doch bestellt zu werden pflegen, diese rechte Folge der Abhängigkeiten und Verantwortlichkeiten wird durch den Wortgebrauch verkehrt und ausgelöscht: andernfalls müßten die Mitglieder dagegen revoltieren, von denen betreut zu werden, die sie erst berufen und in ihre Ämter eingesetzt haben.

Wenn sie es nicht tun, haben sie abgedankt und das Ihrige beigetragen, das Regiment der Manager und die Diktatur der Sekretäre zu befestigen. In einem Wörterbuch der heutigen Organisationssprache würde unser Wort genau so breit und fett figurieren wie dort in demjenigen der Lager- und Terror-Sprache.

Was der Unmensch in allen seinen Gestalten zu erreichen strebt, ist dies: daß keiner unbetreut bleibe und daß der Mensch auch zu keiner Zeit seines kurzen Lebens unbetreut bleibe; denn niemand soll zu irgendeiner Zeit Rechte geltend machen und Ansprüche erheben, nicht einmal für gutes Geld Dienstleistungen erwarten, niemand zu irgendeiner Zeit auch Liebe, Hilfe und Treue erhoffen können. jedermann wird ja betreut. Kundendienst ist eine schöne Sache, sie hat sich auch bei uns eingeführt und ausgebreitet und macht sich sicherlich bezahlt. Sobald aber der Dienst am Kunden zur wiederkehrenden Maßnahme und zur festen Einrichtung gerinnt, droht auch der Diener sich zum Herrn zu verkehren: in seinem Mund und Sinn wird der Dienst am Kunden zur „kundendienstmäßigen Betreuung“.

Die Betreuung scheint sich übrigens im gleichen Maße ausgedehnt zu haben, in dem die Werke der christlichen Barmherzigkeit abnahmen oder gewaltsam verdrängt wurden. Wenn erst eines Tages der Gatte die Gattin und die Gattin den Gatten betreut, dann wird endlich auch die Ehe begraben sein.

Am Ende löscht die Betreuung den jemand als jemand, als eigenes Wesen, aus, dem sie gilt oder zu gelten scheint. Hat man je schon gehört, daß jemand von sich selbst sagte: „Ich werde von der und der Organisation, von der Schule oder von der Polizei usw. betreut“ - Nein, das hat man noch nicht oder doch nur selten und dann nur mit Verblüffung und mit Scham sagen hören, denn diese beiden Dinge vertragen sich nicht miteinander, das „Ich“ und das „betreut Werden“. Das ist eben ein wahres Tätigkeitswort, strotzend von Aktivität. Im Passiv läßt sich das Verbum nicht in allen Personen durchkonjugieren, jedenfalls kaum in der ersten und zweiten, ohne weiteres freilich in der dritten (er, sie, es), die einen nichts angeht; im Plural geht es überhaupt ganz gut, da ist man zu mehreren, und auf den einzelnen, der da (passiv) leidet, kommt es dann nicht so genau an. Daß es in der ersten und zweiten Person des Singulars nicht recht geht, ist gut so. Denn der Unmensch mag es nicht leiden, wenn die Leute „ich“ und „du“ sagen.

d. st. (1946/1947)

Anmerkung(1967): Dieser Beitrag hat nachmals in dem Streit um die Sprachkritik eine exemplarische Rolle gespielt. Der Germanist Leo Weisgerber hat ihn zustimmend angeführt im Zusammenhang seiner Analyse von „Verschiebungen in der sprachlichen Einschätzung von Menschen und Sachen“ (Köln und Opladen 195 8). Ihm ist Professor Herbert Kolb in dem Aufsatz über den „inhumanen Akkusativ scharf entgegengetreten, der mit seiner Erlaubnis im Anhang des gegenwärtigen Bandes wieder abgedruckt ist. Auf Kolbs Argumentation habe ich in dem Akademie-Vortrag über „Maßstäbe der Sprachkritik“ erwidert, den der Leser gleichfalls im Anhang findet. Die Kontroverse kehrte von neuem wieder in Professor von Polenz´ Aufsatz „Sprachkritik und Sprachwissenschaft“ (Neue Rundschau 1963, H. 3) und in meiner Erwiderung hierauf, „Gute Sprache und böse Sprache“ (ebda.), im IV. und V. Abschnitt; auch diese beiden Äußerungen sind im Anhang wiedergegeben. In Anbetracht alles dessen ist der Artikel „Betreuung“ hier oben im ursprünglichen Wortlaut unverändert aufgenommen worden.

1 Diesen Sprachgebrauch bezeugt auch H. G. Adler in seinem Buch über "Theresienstadt" (in der Sammlung Civitas Gentium, Tübingen 1955). Das Wörterverzeichnis der Lager-Sprache, das ihm beigegeben ist, enthält einen Artikel mit den Stichworten „Betreuen, Betreuer, Betreuerin, Betreuung“, woraus die grausige Universalität der Anwendung hervorgeht: "Alles und jeder wurde 'betreut'", sagt der Autor, und er beschreibt, wohlgemerkt, ein Konzentrationslager für Juden. In letzter Konsequenz, so bemerkt er auch, sei das Wort „ein Euphemismus für Morden und Mord“.

Aus: Sternberger/Storz/Süskind: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen, Deutscher Taschenbuch Verlag 1970, Neue erweiterte Auflage

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