Offener Brief zum Thema Altersdiskrimierung am Arbeitsmarkt

Aktiver Admin am So., 23.09.2018 - 22:44
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Sehr geehrte(r) ...

Mit diesem Schreiben bringen wir Ihnen zur Kenntnis, dass der Arbeitsmarkt in diesem Land durch eine systematische Diskriminierung älterer Arbeitnehmer manipuliert und dessen wirtschafts- und sozialpolitische Funktion in erheblichem Ausmaß eingeschränkt ist.

Wirtschaftsbetriebe, aber auch Einrichtungen von Bund, Ländern und Gemeinden ignorieren mit einer bestürzenden Offenheit Stellenbewerbungen von Arbeitssuchenden, die ein bestimmtes Lebensalter überschritten haben. Geburtsjahrgänge vor 1970, nicht selten sogar vor 1980 werden offensichtlich schon zu Beginn des Auswahlverfahrens - ohne Berücksichtigung von Qualifkationsmerkmalen und Berufserfahrung ausgeschlossen.

Die Frage, weshalb Unternehmen leichtfertig auf Mitarbeiter mit wertvoller Berufs- und Branchenerfahrung verzichten, ist nicht allein damit zu beantworten, dass jüngere Mitarbeiter weniger Personalkosten verursachen. Einen sehr konkreten Hinweis, weshalb die fortwährende Diskriminierung älterer Arbeitssuchender mit so großer Beharrlichkeit von allen politischen Ebenen und Interessensverbänden geduldet und geleugnet wird, hat eine Person aus dem inneren Kreis derjenigen preisgegeben, die von dieser herbeigeführten Situation besonders proftieren.

Am 6. Jänner 2016 war in der Zeitung "Wann&Wo" zu lesen, dass die Verbandssprecherin der Vorarlberger Sozialunternehmen eben diese als bedeutende Wirtschaftsfaktoren bezeichnete, die dem Arbeitsmarktservice dabei helfen würden, einiges an Arbeitslosenunterstützung einzusparen. Nicht erwähnt hatte die Verbandssprecherin, dass diese "Sozialunternehmen" von Arbeitsmarktservice und Land Vorarlberg mit mehr als 8 Millionen Euro "gefördert" wurden. Natürlich ist dieses Phänomen nicht nur in Vorarlberg, sondern in ganz Österreich mehr als augenfällig geworden. Vor allem, weil sich mehr und mehr verbreitet, wie solche "Unternehmen" und "Vereine" ihre Umsätze und nicht unbeträchtlichen Gewinne erwirtschaften: Mit Billiglöhnen, staatlichen Zuschüssen und dem Verkauf ihrer Produkte und Dienstleistungen. Unter diesen Umständen ergibt sich zwangsläufg eine fantastisch anmutende Wirtschaftlichkeit, die nebenbei einen staatlich dirigierten Konkurrenzdruck innerhalb der jeweils betroffenen Branchen ausübt.

Über den Nutzen des vordergründigen Zwecks dieser "Sozialunternehmen", die etwa "Maßnahmen zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt", "berufiche Qualifzierung" und sogar "persönliches Coaching" anbieten, gibt es wenig Raum für Interpretationen. Die, in ihrer Anzahl kaum übersehbaren Berichte derjenigen, die vom Arbeitsmarktservice an solche "Sozialunternehmen" vermittelt wurden, sprechen deutlich dagegen, dass das Erlebte in irgendeiner Form die persönlichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt auch nur im geringsten erhöhen könnte. Konsultieren Sie dazu die sozialen Medien im Internet, eine beliebige Suchmaschine oder kontaktieren Sie die Vereine, in denen sich diese Betroffenen austauschen. Obwohl anzunehmen ist, dass Sie über die nüchterne Faktenlage informiert sind oder aber sich informieren könnten.

Diese, auch "sozialökonomische Betriebe" bezeichneten Unternehmen und Vereine veröffentlichen entweder keine oder keine überprüfbaren Nachweise ihrer Arbeit und auch das Arbeitsmarktservice gibt keineAuskunft darüber, wie erfolgreich ihre "Partnerbetriebe" bei der "Wiedereingliederung" der zugewiesenen Klientel in den Arbeitsmarkt eigentlich sind.

Demgegenüber stehen Publikationen des "Europäischen Sozialfonds" (ESF) in denen die meisten Vertreter dieses "Wirtschaftszweiges" als Begünstigte des "Operationellen Programms Wachstum und Beschäftigung" aufgelistet sind. Auf mehr als 200 Seiten werden hier tabellarisch Unternehmen und die, ihnen zugewiesenen Förderungen von EU und der Republik Österreich aufgelistet. Mit Datenstand 1.1. bis 31.12.2012 wirdbeispielsweise eine "ABF - Arbeitsinitiative für den Bezirk Feldkirch" mit einem Betrag von 1.223.211,37 Euro genannt, der "Verein für Arbeit und Lernen Oberes Mühlviertel (ALOM)" mit 549.961,82 Euro, natürlich zahlreiche Teilorganisationen der Caritas mit insgesamt 2.011.371,97 Euro, eine "DLG Weiz Gemeinn. Dienstl. GmbH" mit 277.821,43 Euro, ein "Ökokreis - Gesellschaft zur Förderung biologischer und ökologischer Initiativen" mit 94.163,04 Euro, usw. Nebenbei finden sich auf dieser Liste auch Namen wie "Austrian Gaming Industries" (132.578,70 Euro) oder "Brau Union Österreich AG" (44.046,32 Euro).

Insgesamt handelt es sich hier also um eine politisch beförderte (dirigierte?) Form wirtschaftlicher Subventionierung mit öffentlichen Mitteln. Nichts weiter als eine der zahlreichen Methoden, durch Steuern vereinnahmtes Vermögen mit geringem Aufwand zu privatisieren. Um es konkreter auszudrücken: Die gemeinsamen Bemühungen von Bundesregierung und Landesregierungen konzentrieren sich darauf, gewinnorientierte Unternehmen und Vereine, die sich äußerst fragwürdiger Geschäftspraktiken bedienen, zu subventionieren - anstatt Erwerbsarbeitslose wieder eine selbstbestimmte und wirtschaftlich weitgehend unabhängige Existenz zu ermöglichen, in dem wirtschafts- und arbeitspolitisch Maßnahmen gesetzt werden, die den (oft behaupteten) Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre auch in der arbeitenden Bevölkerung ankommen lässt.

Die wesentliche Komponente in diesem, die Menschenrechte verletzenden Konzept, ist die ständige Verfügbarkeit von Arbeitskräften, die oben genannten "Unternehmen" mit Hilfe höchst bedenklicher Methoden als Rechtfertigung für deren Subventionierung und gleichzeitig als äußerst billige Arbeitskräfte zugeführt werden. Im öffentlichen Dienst stehende Einrichtungen wie das Arbeitsmarktservice werden zu diesem Zweck mißbräuchlich instrumentalisiert.

Als eine der weiteren unerfreulichen Folgen dieser jahrelang betriebenen Art unethischer Geschäftemacherei werden Erwerbsarbeitslose immer häufger als asoziale und parasitäre Elemente bezeichnet, die dassoziale System überbelasten würden. Möglicherweise wird diese Entwicklung mit den hinlänglich bekannten Methoden der "öffentlichen Meinungsbildung" ja auch provoziert.

Daran lässt sich erkennen, wie hoch die Risikobereitschaft gewisser Kreise heute ist. Um das eigene Vermögen zu vergrößern oder auch nur, um überhaupt einer "Geschäftstätigkeit" nachgehen zu können, setzt man sich ohne Skrupel und Gewissen über Menschenrechte hinweg, mißachtet die Grundzüge unserer Verfassung, gefährdet die Existenz von Menschen und Familien und würde offensichtlich ohne Bedenken in Kauf nehmen, dass dieses Land in Folge sozialer Unruhen zerrissen wird - so wie es die Bevölkerung von Spanien, Frankreich, Irland, Island, Italien und Griechenland erlebt hatte und teilweise noch immer täglich erleben muss.

Im Jänner 2018 standen in Österreich mehr als 450.000 Erwerbsarbeitslose etwa 75.000 offenen Erwerbsarbeitsstellen gegenüber. Da braucht es keine höhere Mathematik, um zu realisieren, dass mehrere hunderttausend Österreicher und Österreicherinnen keine Möglichkeit haben, in absehbarer Zeit einen Arbeitsplatz einnehmen zu können. Diese alarmierende Unverhältnismäßigkeit ist aber nicht konjunkturell bedingt. Die offiziell verbreiteten Ergebnisse unserer Wirtschaft aus den letzten Jahren zeigen eine eindrucksvolle Aufwärtsbewegung, also ist der Mangel an Arbeitsplätzen auf eine systemische oder strukturelle Unzulänglichkeit zurückzuführen.

Doch anstatt zu versuchen, die Problematik zu erkennen und zu lösen, wie man das von der demokratisch gewählten Führung einer, durch eine Verfassung geschützten Solidargemeinschaft annehmen würde, nutzen die Organe der Bundesregierung und der Landesregierungen unter Mithilfe von Verwaltungseinrichtungen außerhalb der Legislative, ein liberalwirtschaftliches Konzept mit dem Arbeit zu Ware, Erwerbsarbeitslose zu billigen Produktionshilfen und der erschwerte Zugang zum existenzsichernden Sozialsystem zum Repressionsmittel gemacht wurde.

Der Einwand, dass Automatisierung und Digitalisierung hunderttausende Arbeitsplätze in Österreich auf Dauer vernichtet haben, sollte gerade von seiten der Politik und den Interessensverbänden sowohl der Wirtschaft als auch der Arbeitnehmer nicht verwendet werden. Die Automatisierung kündigte sich schon in den 1960er Jahren an und spätestens Ende der 1970er Jahre waren deutlich erkennbare Auswirkungen registrierbar, so wie sich auch ein eindeutiger Verlauf für die folgenden Jahrzehnte hatte erkennen lassen. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, die man allgemein unter dem Begriff Digitalisierung zusammenfasst, haben ihren Ursprung in den 1980er Jahren - über mehrere Jahrzehnte hinweg wurdengrundlegende strukturelle Anpassungen an diese Veränderungen entweder mit einer erstaunlichen Inkonsequenz oder eben gar nicht durchgeführt.

Eine "digitale Revolution" und eine "Industrie 4.0" sind Schlagworte, mit denen Politiker und Kammerfunktionäre verdeutlichen möchten, dass sie die Existenz von Smartphones und vollautomatisierten Fabriken bemerkt haben. Dass sie schon sehr viel früher hätten reagieren müssen bzw. dass sie jetzt enorme Anstrengungen unternehmen müssten, um diese Republik und ihre einzigartigen Errungenschaften noch zu retten, scheinen sie nicht anerkennen zu wollen oder zu können.

Wir ersuchen Sie nachdrücklich, Ihre Funktion und den damit verbundenen Einfuss geltend zu machen, um gegen die bestehende und immer massivere Diskriminierung älterer Menschen auf dem Arbeitsmarkt vor -zugehen und auch weitere Schritte zu setzen um die beginnende Gefährdung des sozialen und politischen Friedens in unserem Land wirkungsvoll zu bekämpfen.

Mit besten Grüßen
Elisabeth und Alfred S.

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