Leserbrief zu Jaokob Zirn: Kommt Hartz IV oder nicht? (Die Presse, 7.1.2018)

Bernhard Stenzl am So, 14.01.2018 - 13:00
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Sehr geehrter Herr Zirm,

danke für diesen Bericht!

Tatsächlich ist es so, daß Hartz IV ein so ein bombastischer Mißerfolg ist, daß niemand in Deutschland darüber sprechen will. Die Märchenerzählungen vom Deutschen Arbeitgeberverband werden in allen Medien gebetsmühlenartig wiederholt, um sich im dunklen Hartz-IV Keller nicht zu fürchten.

Bei Hartz IV handelt es sich um das größte Dequalifizierungs- und damit Verarmungsprogramm der Geschichte in Europa, das von anderen Staaten aus diesem Grund auch nicht eingeführt worden ist. Selbst der ehemaliger Wirtschafts- und Arbeitsminister Bartenstein hat bei Hartz-IV nach den ersten Erfahrungen in Deutschland abgewunken und gesagt: „die Notstandshilfe ist wirklich eine Notstandshilfe und wird nicht abgeschafft“.

In Deutschland erhalten 4,4 Mio. Menschen (!), d. s. grob 5,5 % der Einwohner Hartz IV (Verweis s. u.) und werden damit dauerhaft bis zum Lebensende dequalifiziert und verarmen. Es gibt kaum Rückkehrer aus Harz IV in ein normales Arbeitsverhältnis, da ja Vermögen verwertet werden muß und damit jede Investitionsmöglichkeit in die eigene Zukunft von vorherein durch staatliche Beraubung unterbunden wird.

Die „Presse“ selbst hat veröffentlicht, daß es derzeit weniger Vollzeit-Äquivalent-Arbeitsplätze in Österreich gibt, als 1994!

Also: der „Arbeitsmarkt“ funktioniert nicht mehr, es werden Teilzeit- und prekäre Arbeitsverhältnisse geschaffen und Vollzeitbeschäftigung kräftig zurückgefahren – sehr zum Wohle der Arbeitgeber.

Diejenigen, die am „Arbeitsmarkt“, der keinerlei Aufnahmefähigkeit mehr hat, keine Chance mehr haben, zu dequalifizieren, deren Vermögen einzuziehen und sie bis zum Lebensende an der untersten sozialen Skala zu halten ist schlichtweg ein Verbrechen!

Die Regierung, in diesem Falle der strebsame Kanzler, der es dem Machtkartell über alle Maße recht machen will, hat doch keine Ahnung, was Hartz-IV für die Betroffenen bedeutet; die „Erfolge“ in Deutschland sind nicht da, denn der „Fachkräftemangel“ besteht weiter, man verzichtet auf 4,4 Mio. Erwerbsfähige und macht sie zur sozialen Randgruppe, die durch die erlittenen psychischen Schäden zu keinerlei Widerstand mehr in der Lage ist.

WENN Herr Kurz, der ja nur Erfüllungsgehilfe ist, tatsächlich den Beweis führen könnte, daß Harz IV MEHR ARBEITSPLÄTZE schafft, könnte er ja vor die Öffentlichkeit treten und den Beweis führen. Das wird er und das kann er aber nicht.

Wer damit dem Suchprofil der Arbeitgeber (zwischen 35 und 45 Jahre alt, MINT-Ausbildung und mit < 2.500 € monatlich zufrieden) entspricht, wird mit Hartz IV kein Problem haben. Der Rest der Erwerbsfähigen wird sich um die wenigen, immer prekäreren Arbeiten streiten, die jahrzehntelange Tendenz der steigenden Arbeitslosigkeit wird aber AUCH SO niemals durchbrochen werden.

Die nunmehr zuständige Ministerin Frau Mag. Hartinger-Klein wäre gut beraten, diesen Schwachsinn, der ja nicht einmal in der ÖVP eine Mehrheit findet (fragen sie den ÖAAB!), sofort unwiderruflich abzustellen und sich damit zu beschäftigen, wie die bereits jetzt unfreiwillig Arbeitslosen endlich wieder über ein Einkommen verfügen, von dem sie auch leben können.

Bleiben Sie am Ball und berichten sie weiter!

Mit freundlichen Grüßen

DI Bernhard Stenzl
A-1230 Wien

Nachsatz: ich schreibe aus Erfahrung, habe ein MINT-Studium und war bereits zweimal – unfreiwilligst – Notstandshilfeempfänger.


https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1396/umfrage/leistungsempfaenger-von-arbeitslosengeld-ii-jahresdurchschnittswerte/


Von: Jakob Zirm
Gesendet: Freitag, 12. Jänner 2018 16:37
An: Bernhard Stenzl
Betreff: AW: Hartz IV

Sehr geehrter Herr Stenzl!

Zuerst einmal vielen Dank für das Lesen meines Leitartikels.

Nun zu Ihrer Kritik: Es gibt eine ganze Reihe von Studien, die sehr wohl zeigen, dass Hartz IV positive Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt und die deutsche Volkswirtschaft hat. Die jüngste kam vom IAB erst diese Woche https://www.welt.de/wirtschaft/article172328129/Aufschwung-Jetzt-finden-sogar-viele-Langzeitarbeitslose-einen-Job.html. Eine etwas ältere gibt es vom IWF: https://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/4785755/Hartz-IV_Mehr-Jobs-aber-weniger-Geld Und noch älter ist eine vom DIW, die ich Ihnen im Original angehängt habe.

Hartz IV hat in Deutschland nach meinem Verständnis einen Punkt bewirkt – und zwar das Menschen aus gut-bezahlten aber nicht mehr in der Zahl benötigten Berufen,  eine höhere Bereitschaft haben, in schlechter-zahlende aber gesuchte Berufe, zu wechseln. Dass der Industriearbeiter also in den Dienstleistungsbereich geht. Für den einzelnen bedeutet das natürlich Einbußen, für die Volkswirtschaft allerdings einen Vorteil.

Mit freundlichen Grüßen

Jakob Zirm

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DI (FH) Jakob Zirm
stv. Ressortleiter Economist


Von: Bernhard Stenzl
Gesendet: Freitag, 12. Jänner 2018 18:04
An: 'Jakob Zirm'
Betreff: AW: Hartz IV

Sehr geehrter Herr Zirm,

also Studien des http://www.iab.de/ sind ja per se nicht objektiv, gehört es doch zur Bundesanstalt für Arbeit.

Dem IWF spreche ich sowieso jede Glaubwürdigkeit ab, da er eine Steuerungs-Organisation des Finanzkartells ist.

Und das DIW ist wiederum staatlich gefördert und damit nicht unabhängig.

Und zur Volkswirtschaft: wenn die Arbeitsmenge, die ja grundsätzlich weniger wird (siehe Presse: 1994 gab es mehr Vollzeitäquivalente als heute) und daher das Arbeitsvolumen je Erwerbsfähigem geringer wird, es als „Erfolg“ zu bezeichnen, daß geringfügige, prekäre und Teilzeitarbeitsbeschäftigungen steigen, ohne daß die Erwerbstätigen ein kostendeckendes Einkommen haben (z. B. Hartz-IV-„Aufstocker“), dann ist das System mehr als krank – was systemnahe Institute selbstverständlich „wegschreiben“ müssen.

Und ob es wünschenswert ist, daß ein Industriearbeiter gezwungenermaßen Altenpfleger wird, überlasse ich Ihrem Spürsinn.

Mit freundlichen Grüßen

Bernhard Stenzl

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